Unpredictable Ein Interview mit den Kuratorinnen

© GREEN GONZALEZ, Foto: Semra Sevin

© GREEN GONZALEZ, Foto: Semra Sevin

 

Die Gruppenausstellung UNPREDICTABLE widmet sich in verschiedenen Genres dem Phänomen des Zufalls und des Unvorhersehbaren in der Kunst. Dabei wird der Blick auf zeitgenössische Positionen gelenkt, die den Zufall als Kompositionsprinzip einsetzen. Die beiden Kuratorinnen Barbara Green und Wayra Durán Gonzalez vom Kuratorenteam Green / Gonzales beantworten dazu vier Fragen.

Nikola Ukić. Self mastering © GREEN GONZALEZ

Nikola Ukić. Self mastering © GREEN GONZALEZ

Eine Ausstellung zum Thema „Zufall“? Was ist das Interessante daran?

Es geht nicht nur um Zufall, sondern um das Unvorhersehbare, das nicht Berechenbare in der künstlerischen Herangehensweise. Die Macht des Zufalls hat etwas Geheimnisvolles, das im alltäglichen Leben oft mit Schicksal, Vorherbestimmung, Glück und der Außerkraftsetzung von Naturgesetzen in Zusammenhang gebracht wird. Naturwissenschaftler  begannen Mitte des 20. Jahrhunderts den Faktor Zufall zu erforschen, denn bis zur Entwicklung der Quantenphysik gingen sie davon aus, dass jedem Vorgang  im Universum eine gegebene Ursache zu Grunde liegen müsse. Das Zufällige in der Philosophie ist seit Jahrhunderten ein viel besprochenes Thema. Viele Religionen oder Naturkulte sind fest mit einem Schicksalsglauben verknüpft, der von einem vorherbestimmten Leben durch eine überirdische Macht zeugt. In der Bildenden Kunst wird das Zufallsprinzip ebenfalls ab dem 20. Jahrhundert verstärkt methodisch eingesetzt. Man kann demnach von einer Zähmung des Zufalls sprechen, da er im Rahmen eines künstlerischen Konzepts herbeigeführt wird, das Ergebnis allerdings nicht oder kaum steuerbar ist. Bekannte Künstler wie Niki de Saint Phalle, Francois Morellet oder Jackson Pollock ließen den Zufall in ihren Arbeiten mitwirken. Das inspirierte uns eine Ausstellung mit zeitgenössischen Positionen zu machen.

Ulf Saupe, Waterscape #35 © GREEN GONZALEZ

Ulf Saupe, Waterscape #35 © GREEN GONZALEZ

War es eine Herausforderung, Kunstwerke zu diesem Thema zu finden?

Uns fielen wesentlich mehr Künstler und Kunstwerke ein, als wir hätten zeigen können. Daher haben wir uns entschieden, ein breites Spektrum in formaler Hinsicht zu zeigen, so dass die Genres Malerei, Skulptur, Videokunst, Fotografie und Zeichnung vertreten sind. Das Zufallsprinzip fließt bei jedem der teilnehmenden Künstlern auf unterschiedliche Art und Weise in das Werk ein. Der Maler Mario Weinberg malte 24 Einzelbildern die per Losverfahren miteinander kombiniert werden. Die dabei zufällig gefundenen Gruppen werden zu einem zusammenhängenden und nicht mehr trennbaren Ganzen erklärt. In der Ausstellung zeigen wir eine Arbeit aus dieser Werkreihe.

Susanne Kutter zeigt in Ihrem Video ein Wohnzimmer aus den 1950er Jahren, zwei Personen agieren miteinander, ein  Plattenspieler läuft. Plötzlich  gerät der Raum in Bewegung und die komplette Einrichtung wird, wie von Geisterhand zusammengepresst. Der Grund dieser zerstörerischen Kraft wird in der Ausstellung aufgelöst.

Cornelia Renz, Joe Biel, Scott Hunt EC 4 *Exquisite Corpses*, © GREEN GONZALEZ

Cornelia Renz, Joe Biel, Scott Hunt EC 4 *Exquisite Corpses*, © GREEN GONZALEZ

Die  Zeichnungen von Cornelia Renz  sind Gemeinschaftsproduktionen mit zwei amerikanischen Künstlern. Jeder der Künstler hatte je drei obere Köpfe, drei mittlere Rümpfe und drei Unterleiber zu bearbeiten, die in einer vorher definierten Reihenfolge einander zugeschickt wurden. Somit war das gesamte Ergebnis weder in Bezug auf Farbigkeit noch Proportionen vorhersehbar.

Ulf Saupe erforscht Wasser fotografisch. Der Künstler zeigt Cyanotypien von Wasseroberflächen. Wasser, ein Element das sich kaum beherrschen lässt, zeigt sich in seiner Unterschiedlichkeit vom stillen Bergsee bis hin zum stürmischen Meer, in seiner  physikalischen Einzigartigkeit unvorhersehbar. In den malerisch  wirkenden Bildern fließt der Blick  unaufhörlich, dem Wasser gleich, über die Oberfläche der Bilder. Während klassische  Print-Verfahren  oftmals eine Momentaufnahme von Wasser festhalten, entsteht durch die lebendige Oberfläche dieser besonderen Drucktechnik der Eindruck, man könne der Lebendigkeit des Wassers nachspüren.

Der künstlerische Ansatz  von  Nikola  Ukics  liegt  in  der  Zusammenführung von Skulptur und Fotografie. Ukic gießt dafür sein bevorzugtes Arbeitsmaterial Polyurethan, ein bestimmter Bauschaum, auf Folien, die er zuvor mit Bildmotiven gestaltet hat. Das sich auf diesem flexiblen Negativ unkalkulierbar ausdehnende Polyurethan verbindet sich im Verfestigungsprozess mit dem applizierten Bild. Dabei nimmt es eine skulpturale Form an, die zugleich selbst Bildträger wird.

Wie lange hat es gedauert, die Ausstellung zu entwickeln?

Wir hatten mit dem Macher des Berliner Projektraums SCHAU FENSTER, Jan Kage, im Sommer 2016 erstmals über eine Ausstellung in seinem Projektraum gesprochen. Als Barbara den Maler Mario Weinberg in seinem Atelier in Shanghai besuchte, zeigte er ihr die Werkreihe INTERDEPENDENCE, in der das  Zufallsprinzip als wesentliches Kompositionsmittel eingesetzt wird. Zurück in Berlin sprachen wir über diesen Aspekt und es fiel uns so viel dazu ein, dass es klar war, wir wollen zu diesem Thema eine Ausstellung  organisieren. Als wir  im  Januar 2017 unsere Zwei-Frauen-Kollektiv GREEN I GONZALEZ gründeten sind wir wieder mit Jan ins Gespräch gekommen und von da an nahm alles seinen Lauf.

Mario Weinberg, interdependence © GREEN GONZALEZ

Mario Weinberg, interdependence © GREEN GONZALEZ

Soll die Ausstellung etwas Bestimmtes bewirken?

Für unsere Besucher bestenfalls das Bewusstsein schärfen: Wir leben in einer Zeit, in der Algorithmen fast alle Menschen transparent gemacht haben, berechenbar in ihrem Konsumverhalten, zuordenbar in der Auswahl an Wünschen und Bestreben, filterbar nach Mentalität und Motivation. Die Gesamtheit der Auswirkungen dieser noch jungen Entwicklung ist unvorhersehbar.

 

Ort: SCHAU FENSTER, Berlin – Schauraum für Kunst, Lobeckstr. 30-35, 10969 Berlin KREUZBERG

Laufzeit: 18.03. – 02.04.2017

Eröffnung: Freitag, 17.03., 19 Uhr mit Performance und Live-Act: KOY – Electro Pop

Artist Talk: Samstag, 18.03., 15 Uhr

Finissage: Samstag, 01.04., 15 Uhr

Das Gespräch führten Alicia Klein und Christina Martin von visitBerlin.

 
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