Wenn dann jetzt!

Weltzeituhr am Alexanderplatz c Wolfgang Scholvien

Weltzeituhr am Alexanderplatz c Wolfgang Scholvien

 

Wie oft höre ich den Satz: Wenn ich mal wieder etwas Zeit habe, dann…! Und was ist? Wir leben im ständigen Wenn-Dann-Modus, ohne je im Dann anzukommen. Weil, wenn dann erst mal Wenn ist, dann ist für Dann doch wieder keine Zeit. Zum Glück drehen wir einmal im Jahr die Uhr zurück und bekommen eine Stunde geschenkt. Einfach so. Ein Tag mit 25 Stunden. Und wenn ich schon mal eine Stunde extra in Berlin habe, dann…

…könnte ich endlich einmal (absichtlich) sitzen bleiben und den kompletten Ring mit der S-Bahn fahren. Fahrtdauer – 59 Minuten, S41 oder 42, Richtung: egal! 60 Minuten wären allerdings auch perfekt, um das Tempelhofer Feld zu umjoggen. (Länge: 6 km, Hilfsmittel wie Fahrrad, Segway oder Inlineskates erlaubt, Sport-Bonus inklusive.)

Ich könnte aber auch bequem bei einer Tasse Café zwei Runden im Fernsehturm drehen. So viele Umdrehungen schafft das Restaurant tagsüber (nachts bleibt es bei einer Runde pro Stunde). Wenn ich bedenke, dass ich seit mindestens 20 Jahren nicht mehr dort oben war, dann wird es höchste Zeit für ein bisschen Zeit! Es ginge aber auch noch entspannter: Eine Stunde Shortfloat im Samadhi…(bzw. schweben im Think-Tank) – was auch immer das sein mag – es ist definitiv etwas, dass „bei Gelegenheit“, also wenn dann mal Zeit ist, auf der Wenn-Dann-Agenda ganz oben steht.

Ich sehe aber auch Szenen in einem Berliner Wasch-Salon vor mir: Natürlich nicht irgendeiner und auch nicht zwingend zum Wäsche waschen. Nein, es würde ein angesagter Salon wie „Freddy Leck sein Waschsalon“ sein, wo ich dann endlich einmal mit Hipsters hinter Hornbrillen und vor der Wäschetrommel ein längst überfälliges Fachgespräch über den Jutebeutel im 60-Minuten-Kurzwaschprogramm führen könnte.

Meine Kollegin Susan denkt bei einer Stunde „Berlin-Extra“ übrigens eher ans Shoppen:

Allerdings nicht in Stangen-Ware-Läden oder Papp-Paletten-Märkten. Meine 60 Minuten verticken, während ich im Erfinderladen Berlin stöbere. Hier gibt es zum Beispiel ein Büroschlafkissen, das man direkt zu den Akten legt und den eigenen Kopf darauf. Hm….die 60 Minuten verträumen wäre natürlich auch eine Option.

Oder ich fahre etwas Ringbahn mit Karin, steige in Wedding in die U6 und laufe im Anschluss bis zur Dicken Marie! Sie steht seit rund 900 Jahren an ein und derselben Stelle. Die restliche Zeit meiner geschenkten Stunde stelle ich mich einfach dazu.“

Und dann gab es da vor einiger Zeit noch einen Geheimtipp von Berlinagent Henrik. Mir schwant allerdings, dass hier nicht nur extra Stündchen Zeit nötig ist, sondern wenn dann auch Mut: In einem mehrstöckigen Labyrinth im Salon zur wilden Renate soll ich mich verirren, um zu schreien, zu weinen, zu lachen und dabei endlich mal die Zeit für ein Gespräch mit dem Ich und dem Unterbewusstsein finden. Na wenn das nichts ist für Halloween und eine geschenkte Stunde, dann weiß ich auch nicht.

 
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Über diesen Autor

Karin Willms

ist verliebt. Bereits Anfang der 80er war es um sie geschehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Berlin macht einfach alles richtig: Zuhause in Kreuzberg wird stets zauberhaft gekocht; täglich gibt es kleine Überraschungen. Und doch bleibt genug Freiraum. Auf dem Tempelhofer Feld zum Beispiel oder am Maybachufer. Es ist längst Zeit für eine Liebeserklärung.

 

Ihre Meinung zu Wenn dann jetzt!

Kommentare

  • MelAntworten

    Ein toller Artikel!

    Wenn ich 1 Std. länger am Tag Zeit hätte, dann würde ich mich auf mein Fahhrad schwingen und spontan kreuz & quer durch die Stadt radeln! Das ist das Schönste im Sommer!

     
    05/03/2014 | 8:14