Allein mit Nofretete

Nofretete im Neuen Museum Berlin c Achim Kleuker

Nofretete im Neuen Museum Berlin c Achim Kleuker

 

Ich mag Nofretete – und die Menschentrauben um sie zeigen, dass ich mit meiner Bewunderung nicht allein bin. Aber ich wär`s gern mal – mit ihr, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Seit bald fünf Jahren empfängt die prominenteste Bewohnerin des Neuen Museums ihre unzähligen Gäste inmitten eines eigenen Saales. Und seit fünf Jahren denke ich ich daran, wie es wohl wäre, dort oben auf der zweiten Geschossebene einen Moment ganz allein zu stehen. Ohne Besucherscharen, Trubel, ohne Schritte und Geraune, ohne die geduldigen Hinweise der Aufsicht, dass einzig hier, bei Nofretete, nicht fotografiert werden darf.

Einsame Schöne: Ein magischer Moment unter der Nordkuppel

Am Freitagmorgen um viertel vor Zehn warte ich mit zwei Dutzend anderen Besuchern bis zur Öffnung des Neuen Museums zwischen den Säulen vor dem Eingang. Tatsächlich schlüpfe ich als eine der Ersten hinein, als sich um Punkt Zehn die schwere Holztür öffnet. Während meine Mitstreiter erst einmal unten in der Garderobe verschwinden, um sich danach Saal für Saal vorzuarbeiten, steuere ich diesmal zielbewusst die Treppenhalle an und gehe die breiten modernen Stufen hinauf.

Nofretete im Nordkuppelsaal des Neuen Museums c Kleuker

Nofretete im Nordkuppelsaal des Neuen Museums c Kleuker

Helles Morgenlicht fällt durch die hohen Obergeschossfenster des Treppenhauses. Im Nordflügel besprechen sich leise die Aufseher, noch ist hier oben kein anderer Besucher zu sehen. Vorbei an Vitrinen und Skulpturen des alten Ägypten und schon stehe ich im Eingang zum Nordkuppelraum und genieße einen magischen Moment: Im achteckigen Saal ist es noch ganz still, nur das leise Surren der Belüftungstechnik ist zu hören. Die Schönheit des Raumes mit seinen hohen tiefgrünen Nischenwänden habe ich bisher ebenso wenig bemerkt wie das große achteckige Fußbodenmuster. Durch die hohe Glaskuppel fällt dämmriges Licht auf die berühmte Ägypterin im absoluten Zentrum des Raumes und im Zentrum des farbigen Bodenschmucks. Auf die Herrscherin, die vor mehr als 3.300 Jahren mit ihrem Gemahl Echnaton einzig den Gott des Lichtes anbetete. Das Herrscherpaar hatte im Land einen gigantischen Sonnenkult eingeführt und alle anderen Götter verboten.

Zwischen den Waden des Sonnengottes

Wie viele Augenpaare blicken Nofretete wohl täglich in ihr eines rechtes Auge aus Bergkristall und schwarzem Wachs? Bewundern Details wie diese feinen, aus millimeterdünnem Stuck modellierten Mundfalten und Halssehnen? Und – was sieht eigentlich Nofretete? Ich stelle mich mit dem Rücken dicht vor sie und blicke geradewegs aus ihrer Welt hinaus in die noch menschenleere Stille der angrenzenden Säle. Wie zu einem langen, prächtigen Korridor reihen sie sich Raum an Raum aneinander.

Nofretete blickt weit über sie hinweg in den gegenüberliegenden Südkuppelsaal. Dort steht, frei auf einem hohen Podest, in rund 80 Metern Entfernung Helios, der Sonnengott. Wenig später schaue ich hinauf zu diesem wuchtigen römischen Koloss aus Ägypten, dessen Marmorhaut durch winzige Glitzerpartikel Leben bekommt. Dann gehe ich hinter die Statue und schaue durch die kräftigen Waden des Helios hindurch zurück. Der Sonnengott kann Nofretete von hier aus nicht in die Augen sehen, denn auf diese Distanz verdunkelt sich ihre Glasvitrine. Statt dessen spiegelt er sich jedoch deutlich erkennbar als geheimnisvolle weiße Gestalt im fernen Glashaus der Sonnenanbeterin – wie der Aufseher meint, ein bewusst erzielter Effekt. Das lässt sich übrigens gut fotografieren. Als ich wenig später die Treppen hinunter gehe, kommen mir die ersten großen Besuchergruppen entgegen. Wenn ich Nofretete das nächste Mal besuche, bin ich bestimmt wieder unter ihnen.

 
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Über diesen Autor

Dagmar von Schoenfeld

….ist eigentlich Archäologin und hat in Mittelamerika auf den Maya-Stätten gearbeitet. Nach zehn Jahren hat sie dann die Welt der Maya gegen ein Leben in Berlin eingetauscht – und festgestellt, dass man auch hier spannende Feldforschung betreiben kann. Am meisten haben es ihr die kulturellen Schätze Berlins angetan. Ob allein oder mit ihren Kindern – sie liebt es, in der Stadt unterwegs zu sein, sich Zeit zu nehmen, genauer hinzuschauen und den einen oder anderen Stein dabei umzudrehen.

 

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