Gefühlsachterbahn durch die Geschichte

So emotional kann ein Besuch im Jüdischen Museum sein

  • Jüdisches Museum Berlin, die Achsen_c_Thomas Bruns
  • Jüdisches Museum Berlin, Garten des Exils_c_Jens Ziehe
  • Jüdisches Museum Berlin, Eingangsbereich in den Libeskind-Bau _c_Jens Ziehe
  • Menashe Kadishman »Schalechet« (Gefallenes Laub), Schenkung Dieter & Si Rosenkranz_c_Jens Ziehe

Mitten in Berlin begebe ich mich auf die Spuren deutsch-jüdischer Geschichte. Die beste Adresse dafür ist zweifellos das Jüdische Museum. Auf dem Weg dorthin sind mir schlagartig die Daten präsent. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler gewählt. Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 und hielt bis zur Kapitulation Deutschlands am 9. Mai 1945 an. Eines ist sicher: Mein Geschichtslehrer wäre stolz auf mich, wenn er die ersten Zeilen dieses Blogeintrags lesen würde. Im Unterricht hat er uns beigebracht, Geschichtszahlen wie Gedichte auswendig zu lernen. Gerade der Zweite Weltkrieg und die Schoah standen häufig auf dem Stundenplan. Bis zur Klausur wusste ich über sämtliche Schlachten und Bündnisse Bescheid. Was mich am meisten beschäftigte, fehlte jedoch: Wie haben sich die Menschen damals gefühlt? Eine Antwort auf diese Frage gab mir erst ein Besuch im Jüdischen Museum Berlin.

Ich beginne meinen Rundgang durch den spektakulären Museumsbau im Erdgeschoss. Dort kreuzen sich die „Achse der Kontinuität“, die „Achse des Exils“ und die „Achse des Holocausts“. Sie bilden ein kompliziertes Wegenetz. Mein Orientierungssinn verlässt mich und der unebenmäßige Museumsboden bringt mich ins Schwanken. In Schaukästen sind Straßenschilder ausgestellt mit Parolen wie „Juden sind hier nicht willkommen“. Ich entdecke Geschichten von jüdischen Bürgern, die vor dem Holocaust fliehen konnten. Viele von ihnen mussten schon im Kindesalter ihre Heimat verlassen. Am Ende des Ganges führt eine Glastür in den „Garten des Exils“. 49 hohe Betonstelen sind dort aufgetürmt. Mitten in diesem Betonlabyrinth ist es kalt und einsam.

Zurück im Museum laufe ich die „Achse des Holocausts“ entlang, die zum Ende hin immer schmaler wird. Überall ist ein Hauch von Beklemmung präsent. Eine Museumsmitarbeiterin führt mich mit mehreren Menschen in einen Raum. Sie schließt die Tür hinter uns – Dunkelheit. Nur ein kleiner Spalt an der Decke lässt etwas Tageslicht eindringen. Erst unterhalten sich die Besucher, doch nach und nach wird es still. Ich höre nervöses Füßeklopfen und leises Flüstern. -Langsam könnten sie uns wieder raus lassen-, denke ich. Während des Wartens erinnere ich mich noch einmal an den Geschichtsunterricht. Die Ähnlichkeit zu den Gaskammern, in denen die KZ-Häftlinge nicht wussten, was als nächstes geschieht, ist unverkennbar. Allgemeines Aufatmen, als sich die Tür öffnet.

Ich steige die Treppen ins zweite Geschoss hinauf – nun bin ich eine Hierarchieebene höher, auf der Ebene der Täter, wird suggeriert. Im hinteren Raum bekomme ich starke Schuldgefühle. Der Künstler Menashe Kadishman hat den Boden mit 10.000 Metallgesichtern ausgelegt. Es ist ausdrücklich erwünscht, darauf zu treten. Ich stelle mich auf das Gesichtermeer. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich Kinder, Erwachsene und Greise mit verzerrten Mündern. Die metallischen Geräusche, die ich beim Herübergehen mit meinen Schuhen verursache, hören sich wie trauriges Gewimmer an.

Angst, Beklemmung, Ausweglosigkeit, aber auch Schuld – im Jüdischen Museum habe ich eine Achterbahnfahrt der Gefühle durchlebt und binnen weniger Stunden alles nachgeholt, was ich in neun Jahren Geschichtsunterricht nicht begreifen konnte. Das ist Geschichte, die unter die Haut geht.

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Kommentare

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Danke

Liebe Christin,
Vielen Dank für diesen gefühlvollen Blogpost! Wir hoffen auf einen baldigen 2. Besuch... Beste Grüße aus dem Jüdischen Museum Berlin

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