Vom Muskel-Adolf bis zum vollen Ernst

Mit der Videobustour unterwegs auf den Spuren des Verbrechens

  • Foto: Zeitreisen/Videobustour "Hauptstadt des Verbrechens"
  • Kühlschränke Gerichtsmedizin; Foto: Zeitreisen/Videobustour
  • Leichenschauhalle; Foto: Zeitreisen/Videobustour

Das gelbe Backsteinhaus in der Hannoverschen Straße 6 wirkt beschaulich. Die Pflanzen vor dem Haus tragen herbstbunt, eine letzte Rose steht in voller Blüte. Nichts weist darauf hin, dass hinter der Eingangstür der Tod daheim ist. Bis 1931 war hier das polizeiliche Leichenschauhaus untergebracht. Ob Wasserleiche, Mordopfer oder Kältetoter – Unbekannte wurden hier jeweils drei Tage lang – gut gekühlt in ammoniakhaltiger Luft – zur Identifikation ausgestellt. Das zog nicht nur Berliner auf der Suche nach Vermissten an, die schaurige Ausstellung war einer der Touristenmagnete Berlins in den zwanziger Jahren.

Auch heute hat das inzwischen leichenfreie Haus durchaus Gruselfaktor. Besuchen kann man es im Rahmen der neuen Videobustour „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens.“ In der baufälligen großen Halle sind die Reste der sieben schaufensterartigen Abteilungen, in denen jeweils zwei unidentifizierte Leichen zur Schau gestellt wurden, noch deutlich zu erkennen. Passende Fotos, die Stadtführer Alexander Vogel bereithält, tun das ihre, um der Fantasie auf die Sprünge zu helfen.

Bereits schaudernd steigt man danach hinab zur Besichtigung der Kühlkammern. Diese stammen jedoch aus den neunziger Jahren. Bis 2005 residierte hier auch die Gerichtsmedizin – ein traditionsreicher Ort mit berühmten Leichen im Keller. Otto Lilienthal wurde hier ebenso obduziert wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Horst Wessel, die Widerständler des 17. Juni, das Maueropfer Peter Fechtner – die Liste der historischen Prominenten ist lang.

Und nicht nur an diesem Punkt erzählt die ungewöhnliche Stadtführung eine Berlin-Geschichte der besonderen Art. Sie reicht vom mittelalterlichen Sühnekreuz an der Marienkirche – Zeichen der Buße für einen Lynchmord im Jahr 1324 – bis zu den berüchtigten Spelunken am Alexanderplatz der zwanziger Jahre, mit so bezeichnenden Namen wie „Wolfsschlucht“ oder „Brilliantenbörse“. Vom einst berühmten Kriminalisten Ernst Gennat ist die Rede, der die erste Verbrecherkartei erfindet und aufgrund seiner Vorliebe fürs Essen, insbesondere für Stachelbeertorte als „der volle Ernst“ bekannt wird. Ganz das Gegenteil ist der berüchtigte „Muskel-Adolf“, der als Vorsitzender des kriminellen Ringvereins „Immertreu“ in der Spandauer Vorstadt wirkte, mit Marlene Dietrich in der als „Mulackritze“ bekannten Kneipe sang und Regisseur Fritz Lang bei seinen Filmen beriet. Der Raub der Quadriga durch Napoleon gehört dazu, wie auch der Reichstagsbrand 1933.

Die zweieinhalb Stunden dauernde Tour mit dem Videobus stellt die Originalschauplätze vor. Wo nichts mehr da ist oder was sich bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, wird mit Videomaterial, Fotos und Filmausschnitten zum Leben erweckt. Die nächsten Touren durch die ehemalige „Hauptstadt des Verbrechens“ finden am 12., 19., 26. November, 10. Dezember statt. Kosten: 19,50 Euro. 25 Prozent Rabatt gibt es mit der Berlin WelcomeCard.

www.videobustour.de

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